Christiane Wetzel |  works  |  vita   |  text  —  stoeber goettingen 2004  |  contact
Text von Michael Stoeber zur Ausstellung Air, Sea, Overland, Göttingen 2004
Die Sprache der Dinge
Zu den neuen Werken von Christiane Wetzel

Christiane Wetzel präsentiert uns ein Archiv von Gegenständen. Wie hängen diese Dinge miteinander zusammen, was haben sie miteinander zu tun, welche Bezüge gibt es zwischen ihnen, welche Sprache reden sie? Wir sehen im Göttinger Künstlerhaus so unterschiedliche Bildmotive wie ein Paar rote Sandalen, eine Plastiktasche, einen Beistelltisch, einen Pool, einen Briefhalter, einen Koffer, ein Auto. Alle Dinge treten in schärfster Klarheit, Deutlichkeit und Präzision vor unsere Augen, und so scheinen sie sich uns zugleich zu entziehen, scheinen ein Eigenleben zu führen, das mit uns als ihren Betrachtern wenig zu tun hat. Wir konstatieren ein Schwanken zwischen extremem Wirklichkeitsangebot und gleichzeitigem Wirklichkeitsentzug. Christiane Wetzels Dinge erinnern uns an die Art und Weise, wie in der Literatur der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts - einer Literatur, die unter dem Etikett des nouveau roman aus Frankreich kam und deren Protagonisten Alain Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute und Michel Boutor hießen - Wirklichkeit dargestellt wurde.
Dessen Autoren hatten den alten Vertrag zwischen Menschen und Dingen gekündigt, den man bis dahin aus der Literatur kannte. In der traditionellen Erzählliteratur hatte ein naives Verhältnis des Menschen zu den Dingen geherrscht, eine Art solidarischer Beziehung, die sowohl in der Übereinstimmung mit den Dingen wie auch noch in der Entfremdung von ihnen bestimmt war von affektiven Analogien und Korrespondenzen. In dieser Lesart wurden die Dinge und die Natur stets zu Bedeutungsträgern und Symbolen. Metaphern wie "erhabenes Gebirge", "launisches Wetter", "tückisches Ding" etc. legen Zeugnis ab von dieser Anthropomorphisierung der Dinge, von Ihrer Aufladung mit menschlichen Affekten und Bewertungen. Damit werden sie zugleich in Dienst genommen. Welt- und Wirklichkeitsaneignung durch die Sprache und die Kunst sind Anstrengungen des Menschen, sich in einer ursprünglich fremden und feindseligen Welt einzurichten. Wo das misslingt, werden die Dinge wieder fremd und abweisend.
Bei den Autoren des nouveau roman werden sie es nicht, wie etwa bei Kafka, sondern sie sind es schon immer gewesen. Es gibt sozusagen eine a priorische Distanz zwischen Mensch und Ding. Das Trennende wird betont, nicht das Verbindende. In einem Essay schreibt damals Robbe-Grillet: "Die Welt um uns herum wird wieder glatte Oberfläche ohne Bedeutung, ohne Seele, ohne Werte, der wir nie mehr beikommen können. Wie der Arbeiter, der den Hammer, den er nicht mehr braucht, niedergelegt hat, befinden wir uns wieder einmal den Dingen gegenüber." Diese Einstellung, die Dinge als Gegenüber zu sehen, die ein Eigenleben führen, das von uns erst einmal erkannt werden muß und doch schon immer bekannt ist, gibt den Dingen eine Würde zurück, die im Prozeß ihrer Aneignung und Indienstnahme allzu leicht verloren geht. Wetzels Dinge haben diese Würde, diese Autonomie und damit auch das nötige Fremdsein, das sich dem vereinnahmenden, allzu vertrauensseligen und banalisierenden Blick entzieht. Wie erreicht die Künstlerin das?
Die Dinge, die sie uns zeigt, balancieren zwischen Realität und Irrealität. Das Irreale der Dinge trägt hier verschiedene Aspekte. Bei aller scheinbaren Bekanntheit von Wetzels Bildmotiven gibt es doch eine Reihe von Gegenständen in ihrem Archiv, die in entscheidenden Partien abweichen von den Dingen, mit denen sie Ähnlichkeit haben: das Liegekissen erinnert in seiner ledernen Textur und seiner Aussparung an ähnliche Kissen, ist aber wohl nicht wirklich bequem und zum Liegen geeignet.
Je länger man es anschaut, desto mehr erscheint es wie ein Folterinstrument denn ein Entspannungsmittel. Die roten, ausgebreiteten Flügel in einem anderen Bild folgen zwar dem typischen Duktus von Schwingen, aber um was für Flügel handelt es sich hier eigentlich? Sie sehen schon ein bisschen aus wie in einem Science-Fiction-Szenario. Oder der rostige Briefhalter? Er erinnert eher an einen Papierspender. Und was soll das auch? Ein Briefhalter. Dann das Auto oder überhaupt die hier vorgestellten Autos. Sie haben alle gläserne Tops wie sie in der herkömmlichen Produktion nicht bekannt sind. Dann die Sperrholzbetten. Für wen sind die gemacht, wer soll darin liegen? Gemütlich sehen sie nicht aus. Und schließlich das Schneidebrettboot. Eine Bricolage aus Küchenbrett als Schiffsrumpf und Schuppen oder Volgelhäuschen als Kapitänskajüte. Da bekommt das Bild endgültig phantastische, um nicht zu sagen surreale Züge.
Der Irrealismus der Dinge, der bei all ihrer Bekanntheit zu ihrem Fremdwerden führt und der ihnen damit zugleich eine Würde zurückgibt, die sie im Alltag lange verloren haben und uns aufs Neue das Staunen vor dem allzu Bekannten lehrt, dieser Irrealismus hat auch zu tun mir der Herleitung der Bildmotive und mit der Art ihrer Bearbeitung. Wetzel versichert, dass sie die Gegenstände, die sie vor unseren Augen ausbreitet, alle geträumt hat, so, wie sie sie uns in ihren Fotowerken, Leuchtkästen und auf DVD zeigt. Da sind wir als Betrachter natürlich in Versuchung, das Ganze in eine narrative Struktur einzubetten oder zumindest an die einzelnen Dinge psychologisierende Motive zu heften. Der Titel der Ausstellung arbeitet dem in gewisser Weise zu, wenn der den Slogan eines Reisebüros aufgreift, "Air, Sea, Overland", und damit die Gegenstände und Bildmotive einbindet und in einer Thematik des Unterwegsseins verortet.
Da lässt sich dann die gelingende Ambivalenz der Bilder zwischen Wirklichkeit und Nicht-Wirklichkeit, zwischen Darstellung und Zeichen, zwischen Abstraktion und Konkretheit fortschreiben in vielfache Schwebezustände der Künstlerin, die sich nicht einrichten mag in einer bestimmten Wirklichkeit und Sphäre, sondern immer unterwegs ist oder besser wohl sein möchte zu neuen und anderen Ufern. Oder vielleicht auch nicht sein möchte - der Traum argumentiert ja gerne auch ex negativo. Der Topos des Unterwegsseins ist ein beliebter Künstlertopos, aber alle Spekulationen darüber lassen wir einmal beiseite, obwohl der verweis auf den Traum als Entstehungsort der Bilder zu ihnen reizt. Schließlich hat uns Sigmund Freud gelehrt, den Traum als Königsweg zum Unterbewusstsein des träumenden zu begreifen. Aber das Unterbewusstsein der Künstlerin Wetzel wollen wir doch in Frieden lassen und uns besser an ihre Bilder halten.
Sprechen wir über die Verfertigung der Bilder! Der Ort ihrer Genese in den Träumen der Künstlerin akzentuiert einmal mehr die irreale Seite dieser augentäuschend realen Bilder. Ihre Verwandtschaft zur Fotografie, was heißt Verwandtschaft, ihr Status als Fotografie ist eine einzige Täuschung, wenn man denn das Fotobild als authentisches Abbild der uns umgebenden Wirklichkeit begreift. Wetzels Bilder sind alle mit Hilfe eines 3D-Programms im Computer entstanden. Die Künstlerin hat die Gegenstände, die wir in ihren Bildern sehen, am Monitor montiert wie ein Plastiker sein Werk, und ihnen Farbe gegeben wie ein Maler seinem Bild. Sie hat die aus dem Schlaf der Nacht in die Helligkeit des Tages herübergeretteten Traumbilder auf digitale Weise fotografische Wirklichkeit werden lassen. Die Träume, mit denen Wetzel ganz offensichtlich gesegnet ist, entbinden sie von einem Kernproblem des modernen Künstlers. Der Frage, die mit der Autonomie der Kunst in der Moderne an entscheidendem Gewicht gewonnen hat, nämlich: Was malen, was gestalten? So kann sie sich gleich dem Wie zuwenden: Wie malen, wie gestalten? Die Form, in der sie die Dinge vor unsere Augen stellt, verbinden Christiane Wetzels Werke in gewisser Weise mit denen von Bernd und Hilla Becher und denen von Thomas Demand. Hier wie da gibt es eine Verbindung zwischen Skulptur und fotografischem Bild. Nicht umsonst wurde das Ehepaar Becher für die fotografischen Dokumente ihrer Kühl, Wasser- und Fördertürme, Schächte und Speicher 1990 auf der Biennale in Venedig mit dem Preis für Skulptur ausgezeichnet. Und Demand hat seine Karriere als Bildhauer begonnen und wurde Fotograf, als er seine Plastiken zu Archivierungszwecken fotografierte. Inzwischen hat sich das Verhältnis umgedreht, und er baut Modelle als Vorwand für ein gelungenes Foto. Modelle baut auch Wetzel, nur dass sie diese im Computer baut und auch mit Hilfe des Computers ablichtet, ganz wörtlich so: mit Hilfe der virtuellen Kamera und der verschiedenen Lichtquellen, die ihr der Computer per Programm zur Verfügung stellt. Das Ergebnis ist hier wie da ein mixtum compositum aus äußerster Wirklichkeit und äußerster Künstlichkeit.
Diese Künstlichkeit führt in den Werken vom Christiane Wetzel nicht selten auch zu Vexierspielen und zu einer irritierenden Polyvalenz. Sind die "Straßendämme" des gleichnamigen Leuchtkastens Wettkampfbahnen, Rutschen oder symmetrisch angelegte Highways in einer absolutistischen Zivilisation? Ist das unmerkliche Kräuseln der Wasserfläche im "Chillout-Becken", da wo die Athleten nach getaner Tat nach Wetzels Willen entspannen sollen so wie angeturnte Raver nach einer durchtanzten Nacht, ist diese Wellenbewegung à la Hitchcock, der Geist über dem Wasser oder als Bewegung im Unbewegten zeichenhaft zu verstehen? Wir wissen es nicht. Was wir wissen ist, dass Wetzels Bilder, die in ihrer Eindeutigkeit stets die Signatur des Uneindeutigen tragen, dass diese Bilder in ihrer Uneindeutigkeit faszinierend sind.
Und noch ein letzter Gedanke zu ihrer irrealen Statur, der in der wirklichkeitsgesättigten Physiognomie der Werke immer wieder aufscheint. Er hat nicht nur mit der Absenz der Menschen in diesen Bildern zu tun, obwohl sie als Spur natürlich da sind im Artefaktcharakter der Dinge als von Menschenhand gemachte. Der irreale Status der Bilder hat auch zu tun mit der Abwesenheit von jeglichen Gebrauchs- und damit von realen Lebensspuren in ihnen. Diese Abwesenheit entführt die Dinge in ein ideales Reich, das im Grunde nicht von dieser Welt ist. Dort reklamieren sie für sich den platonischen Status der Idee. Einer abstrakten Essenz jenseits jeder konkreten Existenz. Sozusagen, um mit Kant zu sprechen, als Ding an sich. Dieser Charakter nun nobilitiert die Dinge der Christiane Wetzel einmal mehr wie kein anderer zum ernstzunehmenden Gegenüber im Sinne der Vorstellungen des eingangs erwähnten nouveau roman. Zum Gegenüber, das wir immer aufs Neue lesen lernen müssen. Und indem wir es lesen, lernen wir die Welt kennen. Und indem wir die Welt kennen lernen, lernen wir uns kennen, nie ganz und wirklich, aber mit der Zeit doch immer besser. Kunst wie die von Christiane Wetzel hilft uns dabei.


Michael Stoeber, 2004